Freitag, 31. August 2012
Ich bin verliebt aber meine Zeit ist gekommen...
Heute möchte ich euch über meine neue Liebe, meine Zeit in Lecce und meine Erlebnisse erzählen.
Aktuell sitze ich im „Pullman“ -Reisebus in Richtung Firenze. 13,5 Stunden Busfahrt und ich habe erst 3,5 hinter mich gebracht.
Vor 3,5 Stunden habe ich mich tränenreich von meinen tollen, neuen Freunden in Lecce verabschiedet. Massimiliano, Marco, Martina und Stephanie haben mich zum Bus gebracht, nachdem Marco für uns bei Martina gekocht hat. -Nicht, dass ihr dem Eindruck bekommt ich wäre hier faul, ich habe auch ein- oder zweimal gekocht und außerdem möchte Marco kochen. Er sagt immer, dass Italiener ihre Gefühle im Essen zeigen und wenn ein Italiener mal Gefühle zeigen will, kann ich ihn ja nicht hindern, oder??
Vor 5 Wochen bin ich also durch ein Zufall in Lecce gelandet und durch eine schöne Bekanntschaft im Cafè auch da hängen geblieben. Ich weiß nicht, ob es wo anders besser gewesen wäre, aber für mich war Lecce perfekt. Genau das was ich gebraucht habe.
Wie schon oft erzählt habe ich tolle Menschen kennengelernt, zum ersten Mal (und zweiten Mal) im Leben am Strand geschlafen, unglaublich gut gegessen, mal wider nach Jahren mehrmals Tränen gelacht und wunderschöne Orte gesehen. Zum Beispiel war ich vor zwei Tagen für eine Nacht in Matera. Das ist eine Stadt in den Bergen zwei Stunden nördlich von Lecce. Wenn ich IN den Bergen schreibe, dann meine ich das Buchstäblich. Denn die Stadt ist tatsächlich in die Berge hinein gebaut. Seit über 6000 Jahre leben da Menschen. Allein mit diesem Gedanken durch die Stadt zu laufen, aber auch die Menschen die so offen und interessiert sind und nicht zuletzt der kalte Nordwind „Tramontana“ bereiteten mir Gänsehaut. Alle haben bevor ich hin bin gesagt: „Matera is Magic, you will love it“ und alle hatten recht.
Außerdem bin ich zum Leid meiner Mutter von tollen Klippen herunter gesprungen und hab aus ganzer Seele dabei geschrien. Es macht so einen Spaß zu schreien. Wenn man "schreien" zum Hobby haben könnte, dann würde ich es als Hobby wählen. Es befreit, erleichtert, bringt einen selbst und andere zum Lachen, und erinnert daran, dass man gerade was außergewöhnliches erlebt. Ich liebe es!!
Wie es sich gehört, habe ich mich auch in Lecce -natürlich paar Tage vor der Abreise- gnadenlos verliebt. Dazu gleich.
Aber ich habe auch einiges über mich gelernt. Gut, zugegeben, das Meiste habe ich mir schon immer gedacht/gewusst, aber ich hätte nicht gedacht, dass Andere es auch so schnell erkennen. Zum Beispiel hat Marco, sobald er gemerkt hat, dass ich Hunger habe, mir sofort was zum Essen gebracht, weil ich angeblich hungrig nicht in der Lage bin klar zu denken und zu reden.Ts, Könnt ihr das glauben??
Ich habe hier aber auch gelernt, dass das Gras nicht immer grüner ist auf der anderen Seite zum Beispiel bin ich gestern Nacht von einem unglaublich lauten Knall aufgewacht, als ein paar Häuser entfernt irgendwas in die Luft gesprengt wurde. Ja, ihr habt richtig gelesen. Natürlich spricht keiner darüber und keiner weiß was genaues, aber hinter vorgehaltener Hand redet man davon, dass die Mafia irgendwas mit der Explosion zu tun hat.
Kommen wir aber zum schönsten Teil. Am Wochenende sind wir auf ein Fest, „Notte della Taranta“, gegangen und dort habe ich mich binnen wenigen Minuten verliebt. Ich will euch mal so schnell wie möglich erklären was die „Notte della Taranta“ ist. Die Tarantel ist bekanntermaßen eine Spinne. Diese gibt es in Salento (so nennt man das Gebiet im „Absatz“ Italiens). Ich kann auch bezeugen, dass es sie gibt, denn ich habe eine in ihrem Netz gesehen. Es gibt die Legende, dass das Gift dieser Spinne Frauen wahnsinnig macht und wenn eine Frau von ihr gestochen wurde, musste sie tanzen um das Gift aus ihrem Körper zu kriegen. Der Tanz ist sehr extrovertiert und nüchtern betrachtet auch etwas wahnsinnig. Aber, wenn man daran denkt, dass Frauen im Mittelalter kein besonders freies Leben geführt haben und sie nur wenige bis gar keine Wege hatten ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen, dann ist es genau richitg, wichtig und nötig gewesen, dass es diesen Tanz gab. Jedes Verhalten (beim Tanz) wurde akzeptiert, selbst, wenn sie ihre Männer geschlagen haben, geschrien haben oder ihre Kleidung von Leib gerissen haben. (Ich finde die arabischen Länder könnten heute auch so ein Tanz gebrauchen)
Aber auf der Tarantel-Nacht tanzen nicht nur verrückte Frauen. Es wird auch Pizzica getanzt. Was ist Pizzica? Pizzica ist der schönste, erotischste, liebevollste, verspieltest und spaßigste Tanz auf dieser Welt. Vergesst Tango, Walzer und was ihr noch sonst so kennt. Wenn ihr wahre Leidenschaft sehen wollt, dann schaut euch Pizzica an. Wenn ihr Frauen euch sexy, unnahbar, erotisch, schön, begehrt und geliebt fühlen wollte, TANZT Pizzica. Nur wenn ich darüber schreibe klopf mein Herz schon schneller. Ich bin verliebt wie ich noch nie war.
Da wir in Italien sind, kann es bei diesem Tanz natürlich nicht einfach nur darum gehen sich zu einer Melodie zu bewegen. Er muss eine Geschichte, eine Bedeutung haben.
Es ist so simpel wie es nur sein kann:
ER will SIE, SIE lässt ihn zappeln.
Sie ist die Tarantel. Diese haust natürlicherweise in meinem von ihr gesponnen Tunnel. Aus diesem kommt das Opfer nicht mehr raus, wenn es einmal drin ist. Also tanzt er um sie herum. Sie dreht sich, spinnt ihr Tunnel weiter, lässt ihn sehr nah an sich heran kommen aber wendet sich weg, wenn er glaubt sie erreicht zu haben. Er geht in die Knie vor Herzschmerz (der Sänger singt : UN DOLORE PROVENIENTE DAL CUORE - ein Schmerz kommt aus meinem Herzen), rafft sich aber wieder auf und versucht sie zu berühren... Er erreicht sie aber nie...
Mann und Frau berühren sich bei diesem Tanz NIE.

Und jetzt kommt das aller Beste an diesem Tanz. Es ist keine Schnulzenmusik!!!
Der Rhythmus und die Schritte so schnell, dass man Angst hat das Gleichgewicht zu verlieren. Innerhalb von Minuten ist man Nassgeschwitzt und die Endorphiene spielen im Blutkreislauf verrückt.
Ich habe auch schon eine Theorie wo der Name Pizzica her kommt, aber leider hat mir das noch kein Salentino bestätigen können. „Pizzicare“ ist das italienische Wort für „zwicken“ ich glaube, dass es daherkommt. Ich muss das mal Googeln...
Ich wäre gerne proffesionellle Pizzica-Tänzerin. Ich hätte es so gerne richtig gelernt und viel öfter getanzt. Es macht so glück diesen Tanz zu tanzen.

Naja, es ist jetzt halb vier Uhr in der Nacht. In 6,5 Stunden bin ich für einen Tag in Firenze um in Firenze noch ein echtes Florentina-Steak zu essen. Man nächsten morgen reise ich weiter nach Verona, wo ich in der Arena „Tosca“ zusammen mit meinen lieben Freunden aus Süd Tirol sehen werde.

Wenn ich so darüber nachdenke ist meine freie Zeit schon fast um und wisst ihr was das Schlimmste daran ist, wenn man weg von allem ist während das Leben für die Anderen ganz normal weiter geht? Man ist sich nie sicher, ob man vergessen oder vermisst wird...
So, ich schlafe jetzt besser mal, sonst bin ich morgen Bewegungsunfähig. Nacht

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